Die Müstair-Fresken: Neue Voraussetzungen
25. August 2006 von Marese Sennhauser
Früher habe ich die zum Teil sehr fragmentarisch erhaltenen Bildfelder und grossen Kompositionen einfach beschrieben, und dann versucht sie zu benennen. Meine Frage lautet stets zuerst: was sehe ich? und dann erst: was glaube ich zu sehen auf Grund meines Wissens? Und schliesslich: wie steht das Bild im Kontext der ganzen Ausmalung? Stilfragen blieben vorsichtigerweise fast ausgeschlossen, da sehr wenig Vergleichbares bekannt war. Heute aber interessieren mich diese kostbaren Fragmente auch im Hinblick auf die historischen Hintergründe, die zu ihrer Entstehung geführt haben. Nun wird es spannend, aber auch gefährlich. Ich könnte mich in die Nesseln setzen. Ich könnte andern Autoren zu nahe treten. Ich könnte als unwissenschaftlich vorgehende Phantastin abqualifiziert werden: Schreib doch lieber einen historischen Roman! Ich kenne aber heute Fakten, die eine genauere Datierung der Ausmalung der Klosterkirche von Müstair zulassen. Ich bin jederzeit bereit meine kunsthistorischen Beobachtungen und kulturhistorischen Thesen zu belegen und zu verteidigen (aber natürlich nicht im Rahmen eines lockeren Geplauders). Hier will ich nun kurz die neuen Voraussetzungen nennen, die mich veranlassen für die Entstehungszeit der Fresken von Müstair die Jahre zwischen 785 und 795 anzunehmen. Sie wären dann etwas jünger als das Godescalc-Evangelistar(783), die früheste für Karl den Grossen geschaffene Prachthandschrift, und wenig älter als die (nur in alten Dokumenten überlieferten) Malereien im Dom von Aachen. Mit beiden sind sie jedoch sicher verwandt.
Diese neuen Voraussetzungen sind folgende:
- Die Klosterkirche kann dendrochronologisch in die Jahre nach 775 datiert werden (Holzbalken im Dachstuhl).
- Die Innenausstattung der St.Benediktskapelle im nahen Mals im Vinschgau darf jetzt etwa 785 datiert werden, da sie - nach meiner Meinung - in dieser Eigenkirche einer Adelssippe als Gedächtnisstätte für Rhodpert, den 784 bei Bozen getöteten fränkischen Befehlshaber von Trient, hergerichtet wurde. Der dort an der Altarwand dargestellte Mann mit dem Schwert ist also nicht der weltliche Stifter, sondern der hier geehrte Tote. Hinter seinem Kopf befindet sich nicht das Rechteckfeld, das üblicherweise darauf hinweist, das hier ein Lebender portätiert ist (kein “Nimbus”), sondern eine durchgehende bodenlange Wandplatte.
- Die bisher unbefriedigend gedeuteten letzten beiden Bildfelder an der Nordwand (alle Darstellungen müssen von links nach rechts gelesen werden) zeigen Gregor den Grossen, noch als Mönch und päpstlichen Gesandten in Konstantinopel, zuerst im Streitgespräch mit dem Patriarchen Eutichius über die “Auferstehung des Fleisches”, und dann bei der ersten Niederschrift seiner Moralia in Job. (Darüber berichtet Paulus Diaconus in seiner etwa 770 verfassten Vita Gregors des Grossen und auch in seiner Historia Langobardorum.)
Das ganze Bildprogramm ist auf die Schriften und Predigten Gregors ausgerichtet, die vom Wirken des Heiligen Geistes, vom Leben nach dem Tod und von der zu erwartenden leiblichen Auferstehung handeln. - Der geistliche Stifter, der das Kirchenmodell darbringt, ist Remedius, der spätere Bischof von Chur (erst etwa ab 790), der damals vermutlich vom karolingischen Hof mit der Aufsicht über die Arbeiten im Kloster Müstair betraut wurde. Hier handelt er wohl als ein Verwandter des verstorbenen Rhotpert.
Soweit meine Zusätze zu der - im übrigen hervorragenden - Monographie über St.Benedikt in Mals von Elisabeth Rüber (1991 ff), die auch darauf hinweist, dass die maltechnische Analyse Mals und Müstair der selben Werkstatt zuweist !
Kategorie: Müstair

Spannend! Der Appetit ist geweckt. Ich hoffe auf viele weitere nahrhafte Häppchen. Die Vorratskammer scheint ja randvoll zu sein. Also raus damit!
Sehr geehrte Frau Dr. Marese Sennhauser-Girard,
ich schreibe zur Zeit an eine Abschlussarbeit und beschäftige mich dabei mit dem Vinschgau im Frühmittelalter. In diesem Zusammenhang bin ich natürlich auch an kunsthistorischen Forschungen interessiert. Ich bearbeite sowohl St. Benedikt in Mals als auch St. Johann in Müstair und bin leider gerade erst über ihre ausgezeichnete Internetpräsentation gestoßen.
Mich interessiert insbesondere, wie sie ihre Meinung zum “weltlichen Stifter” von St. Benedikt weiterhin begründen. Für mich erscheint die Darstellung in der einschlägigen Forschungsliteratur, die in dem Bildnis den weltlichen Stifter erkennen, als plausibel. Gerade auch vor dem Hintergrund, dass auch der geistliche Stifter dargestellt ist. Der Hinweis, dass es sich im Hintergrund nicht um einen Rechtecknimbus handelt finde ich sehr interessant. Konnte sie Ähnliches beim “geistlichen Stifter” feststellen?
Mit freundlichen Grüße
F.S.
Der Fehler war von Anfang an, dass man beim Mann mit dem Schwert, der in einer Türöffnung oder in einer Nische steht (alte Fotos)hinter dem Kopf ein helles Rechteck sah, das ihn als lebenden Zeitgenossen und folglich als Stifter charakterisieren sollte. Es ist aber nach meiner Meinung ein kürzlich Verstorbener gemeint, der vor den Toren des himmlischen Jerusalem steht und dessen Gedächtnis hier gefeiert wird. Es könnte sich um den Besitzer der kleinen Eigenkirche handeln, der - wie Rüber richtig vermutet - mit dem Schutz der Alpenpässe im langobardisch-fränkischen Grenzraum betraut war. Tatsächlich wird im Jahr 784, zur Zeit einer Schlacht zwischen Franken und Baiern, bei Bozen, der Tod eines fränkischen “Dux”, Rhotbert verzeichnet. Der Kopf des jungen geistlichen Stifters ist tatsächlich durch ein rechteckiges Feld als Porträt gekennzeichnet und es dürfte Remedius, der spätere Bischof von Chur dargestellt sein. Es ist aber falsch, dieses angedeutete Pergamentblatt als “Nimbus” (Ausstrahlung) zu bezeichnen; gemeint ist nämlich eine Porträtzeichnung nach der Natur (Vergleiche die amtierenden Bischöfe oder Diakone in den süditalienischen Exultetrollen. Mit dem Jahr 784 kommt man also in die Nähe des von Rüber zum Vergleich herangezogenen Godescalc-Evangelistars.
Ich habe auf obige Frage per Mail geantwortet.
Ein helles Rechteck hinter dem Kopf zeigt an, dass es sich um das Porträt einer lebenden Person handelt. Es ist kein “Nimbus”, sondern meint ein Pergamentblatt mit einer Zeichnung nach der Natur. Es befindet sich eins hinter dem Kopf des jungen Geistlichen rechts. Der Mann mit dem Schwert hingegen steht vor einer Türöffnung oder in einer Nische. Hier könnte der Tote gemeint sein, zu dessen Gedächtnis die schon bestehende Kirche ausgemalt wurde. Er ist in das Bildprogramm der Ostwand einbezogen indem er Christus und den Heiligen in den Apsisnischen präsentiert wird.